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Ich will mich nicht streiten! Aber warum klappt das im Konflikt eigentlich nicht? (Teil 1)

 

Ich bin einmal so tief in Blut gestiegen,

dass, wollt ich nun im Waten stille stehn,

Rückkehr so schwierig wär´als durchzugehen.

 

Ganz so blutig geht es in Konflikten zum Glück nur selten zu. Was hat das Zitat – immerhin Shakespeare - mit dem Phänomen zu tun, dass wir uns im Konfliktfall mit der Gegenseite so schwer einigen können. Es ist ja nicht so, dass man Konflikte behalten will. Oder etwa doch? Ja, manchmal schon, aber das (der Reiz der Symbiose im Konflikt) ist ein Thema für einen anderen Beitrag.

Der Reihe nach: Woran liegt es, dass wir uns im Konflikt so schwer tun, uns mit anderen Konfliktparteien zu einigen. Und was machen Mediatoren eigentlich, um das doch zu schaffen.

Grundsätzlich sind wir als Menschen hochentwickelte Wesen, die weitgehend frei entscheiden können, ob wir uns so oder anders verhalten.  So zumindest die Idee. Im Konfliktfall spielt uns unser Hirn aber einen Streich und schaltet uns auf den Urmenschenmodus. Wir wittern Gefahr? Dann also Angriff, Fluch, oder Erstarrung. Das beherrschten wir nämlich schon, als wir noch Mammuts begegneten. Für die damaligen Gefahren waren diese Autopilot-Routinen perfekt geeignet, ist der Konfliktgegner aber kein Mammut, sondern „nur“ der Arbeitskollege im Nachbarbüro, dann stehen sie einer sinnvollen Lösung des Konfliktes eher im Wege. Denn sie verhindern, dass wir das Problem wirklich durchschauen und eine adäquate Lösung finden. Um diese Mechanismen zu überwinden, müssen wir diese Routinen also erkennen. Und wir tun gut daran, uns bewußt zu machen, dass bei unserer Fahrt durch den Konflikt oft genug  nur auf dem Beifahrersitz sitzen. Was also sind das für Mechanismen:

 

 

1. Der Tunnelblick

Jeder von uns kennt das: Je länger wir uns mit dem Gegner streiten und je eskalierter ein Konflikt wird, umso weniger nehmen wir rechts und links davon wahr. Das Große und Ganze könnte man erreichen, doch stattdessen verbeißen wir uns in ein Detail oder verhaken uns im Kleinkein eines nebensächlichen Konfliktes. Das schärft zwar einerseits unsere Aufmerksamkeit auf den Konflikt, gleichzeitig verpassen wir aber viele Signale, die eine intelligente Lösung des Konfliktes nahelegen würden, nur weil sie außerhalb des eingeschränkten Blickfeldes des Tunnelblickes liegen.  Eine Einigung wird zusehens unwahrscheinlicher.

 

2. Das übergroßes Beziehungsohr

Dank Friedemann Schulz von Thun, dem großen Hamburg Kommunikationspsychologen kennen wir alle die vier Seiten einer Nachricht, zumindest in der Theorie. Danach hat jede Äußerung, die wir von uns geben, eine Sachebene (die Ampel ist grün), eine Appellseite (Fahr los), eine Beziehungsnachricht (ob du wohl ein guter Fahrer bist?)  und eine Aussage über sich selbst (ich bin in Eile).

Und passend zu diesen vier Seiten einer Nachricht gibt es auf Empfängerseite vier Ohren, die sich jeweils auf eine dieser Seiten spezialisiert hat. Dies hat den Vorteil, dass der Empfänger grundsätzlich sehr gut zu differenzieren vermag, welchen Inhalt der Botschaft er gerade empfangen hat. Decken sich also die jeweiligen die entsprechenden Frequenzen von Sender und Empfänger, kommt das an, was gesagt wurde und vor allem so, wie es gemeint war. Was aber passiert, wenn die Frequenzen durcheinandergeraten?

Glaubt zum Beispiel der Sender einer Nachricht, er habe seinem Gegenüber eine reine Sachinformation zukommen lassen, mag er hiervon noch so überzeugt sein. Entscheidend ist, auf welches Ohr seine Nachricht beim Empfänger stößt: Ist es das Sachohr, dann wird er verstanden werden. Ist es aber eines der drei anderen, kommt es – im wahrsten Sinne des Wortes – zu einem Miss-Verständnis. Ein Beispiel:

Fahrer und Beifahrer eines Autos unterhalten sich angeregt, als der Beifahrer den völlig zutreffenden Hinweis gibt, die Ampel sei grün, weil er meint, der Fahrer habe es aufgrund des netten Gespräches vielleicht noch nicht wahrgenommen. Trifft dieser Hinweis beim Fahrer jedoch das Beziehungsohr, nimmt dieser den Hinweis als Signal, der andere halte ihn vielleicht für einen schlechten Fahrer. Und je größer das „Beziehungsohr“ des Fahrers ist, umso früher und intensiver wird es derartige Signale auffangen. Auf diese Weise wird jede Sachinformation zum Angriff, gegen den er glaubt, sich verteidigen zu müssen. Das Ergebnis: beide reden völlig aneinander vorbei, denn das Gesendete stimmt nicht mehr mit dem Empfangenen überein. Und beide meinen, dass ihr Verständnis der Nachricht das richtige ist und der andere falsch liegt. Und all dies bleibt unerkannt, da die gewechselten worte identisch sein können und der Unterschied nur in der beigemessenen Bedeutung liegt.

 

4. Kognitive Dissonanz

Was ist darunter zu verstehen? In kurzen Worten: Intuitiv neigt ein Mensch dazu, lieber die Informationen aufzunehmen, die mit seinem Bild der Welt übereinstimmen. Dieses Phänomen ist unabhängig von Konflikten: So lesen wir in der Regel lieber die Tageszeitung, die die eigene Meinung von Zeit zu Zeit zwar hinterfragt, im Wesentlichen aber unterstützt. Internetkanäle machen sich dieses Phänomen zu eigen, in dem sie automatisiert die erkannte Meinung der Leser duplizieren und ihn zunehmen mit Informationen derselben Richtung fluten (Problem der Echoboxen).

Eindrücke, die mit den eigenen Ideen, Einschätzungen und Werturteilen nicht in Einklang stehen, werden hingegen gerne unterdrückt, was dem Bestreben des Menschen entspricht, Gedanken und Überzeugungen mit den eigenen Handlungen zur Deckung zu bringen.

Was bedeutet das im Falle eines Konfliktes: Zunächst einmal, dass die eigene Meinung die Überzeugenste ist, so dass man sich von ihr nicht trennen mag. Widersprechende Meinungen anderer bedrohen diese in sich kreisende Harmonie und werden vollständig verdrängt oder zumindest nur nachrangig wahrgenommen.

Konsequenz hiervon ist, dass sich die Konfliktbeteiligten nicht mehr korrigieren, weil sie andere Punkte nicht mehr sehen. Im Volksmund heißt das Scheuklappen-Denken: Die Wahrnehmung fokussiert sich auf all das, was zu unseren Annahmen passt, alles andere filtern wir heraus. Das, was wir sehen, ist ein kleiner Ausschnitt der Realität, diesen nehmen wir aber als „unsere Realität“ wahr.

Und um diese Realität weiter abzusichern, haben sich viele Medianden vor der Mediation mit vielen Freunden und Bekannten unterhalten, „die das genauso sehen wie ich“. Aber nicht weil die Realität so wäre, sondern weil wir ein „gutes“ Gespür dafür haben, wen wir fragen müssen, um eine Bestätigung unserer Meinung zu bekommen. Da Menschen so ungerne Abschied von ihren Überzeugungen nehmen, gilt es in einer Mediation daher, diese Überzeugungen ernst zu nehmen. Denn sie sind zwar nicht die ganze Wahrheit aber doch ein „Teil der Wahrheit“.

 

Und was haben Shakespeares Zeilen mit all dem zu tun?

 

Das klären wir im zweiten Teil dieses Blogbeitrag, den es voraussichtlich Ende September gibt. 

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